Kambodscha – ein Land mit 2 Gesichtern

Vor ungefähr einer Woche sind wir in Siem Reap gelandet, dem Ausgangspunkt zur Erkundung von Angkor Wat. Ja, Angkor Wat ist ein Touristenmagnet, das war uns schon klar. Aber das die ganze Stadt für Touristen aufgebaut wurde, hat uns doch etwas erschreckt. US-Dollar als Touristenwährung und die Preise natürlich stark aufgerundet, im Vergleich nur etwas günstiger als in Österreich. Zur Erinnerung – wir befinden uns in Kambodscha! Restaurants und Bars sind so gut wie alle von Europäern geführt. So hatten wir uns Kambodscha nicht vorgestellt.

Menschenmassen meiden

Nach einem Tag Akklimatisierung, den wir zum Erkunden der Stadt und deren vielen Märkte genutzt haben, entschieden wir uns für die nächsten 3 Tage einen Roller zu mieten. Wir hofften, den tausenden Reisegruppen etwas ausweichen zu können, wenn wir uns auf eigene Faust auf den Weg machen. Wir bekamen einige sehr wertvolle Tipps von Einheimischen, wo wir zu welcher Zeit sein sollen, um die Touristenmassen zu umgehen.

Am nächsten Morgen kämpften wir uns also mit den Rollern durch das kambodschanische Verkehrschaos. Dieses wurde überraschenderweise noch nicht für Touristen beseitigt. 😉 Wer bremst, hat verloren. Wenn man hier voran kommen möchte, muss man es den Einheimischen gleich tun und einfach ins Gas steigen. Irgendwo findet sich immer eine Lücke.

Angkors Tempelanlagen

Die Tempelanlagen rund um Siem Reap zählen wohl zu den großartigsten Bauwerken in der Geschichte der Menschheit. Angkor Wat ist der größte und bekannteste Tempel, aber nur ein kleiner Teil der Gesamtanlage Angkors, welche sich auf eine Fläche von über 40.000 Hektar erstreckt. Es laden also auch unzählige kleinere, unbekanntere, nicht weniger beindruckende Tempel zur Erkundung ein.

Wir haben uns am Vorabend einen Film zur Geschichte von Angkor Wat angeschaut und konnten es danach fast nicht erwarten, dieses Weltkulturerbe selbst zu erkunden. Vor fast 1.000 Jahren waren diese Tempel das Zentrum der rundherum errichteten Hauptstädte und beherbergten bis zu 1 Million Menschen.

Wir starteten mit ein paar kleineren Tempeln und waren von der Erhaltung und all den Details in den Wänden und der Bauweise richtig fasziniert. Mitten im Urwald blieben diese Tempel teilweise mehrere hundert Jahre lang unentdeckt. Unser Favorit war der Bayon Tempel, ein Tempel voller lachender Buddha-Gesichter.

 

Angkor Wat & Ta Prohm

Um die Mittagszeit werden die meisten Touristengruppen zu Restaurants außerhalb der Tempelanlagen gebracht und wir nutzten diese Zeit zur Erkundung der bekanntesten Tempelanlagen Angkor Wat und Ta Prohm (Drehort für Tomb Raider). Doch selbst in dieser Zeit war der Menschenansturm fast nicht auszuhalten. Besonders schlimm war es in Ta Prohm – hier konnte man nichteinmal ein paar Sekunden stehen bleiben, man wurde einfach weitergeschoben. Und das bei 35 Grad. Wer tut sich das freiwillig an?

Auch Angkor Wat war zwar von außen echt beeindruckend und wunderschön, aber man konnte z.B. die schönen Wandverzierungen vor lauter Menschen gar nicht wirklich sehen. So große Menschenaufläufe sind einfach nichts für uns. Machu Picchu war schon grenzwertig, aber das hier übersteigt einfach unsere Schmerzgrenze. Schnell weg hier.

Um uns von diesem Erlebnis zu erholen, fuhren wir auf einer Schotterpiste durch den Wald zu einem kleineren Tempel. Hier konnten wir in aller Ruhe, ganz alleine die Tempel erkunden und durchschnaufen. Bis wir plötzlich etwas rascheln hörten. 3 große Affen und 2 kleine Babys spielten in den Bäumen direkt über uns. Wir musterten uns gegenseitig mit neugierigen Blicken. Der Tempelwächter meinte wir hätten Glück, diese Affen lassen sich hier nur selten blicken. Das ist schon mehr nach unserem Geschmack. 🙂

Schulbuch-Mafia & Kinderarbeit

In unseren 3 Wochen Vietnam haben wir, egal ob in der Stadt oder am Land, keinen einzigen Bettler gesehen. Natürlich gab es viele arme Menschen, aber man hatte das Gefühl, jeder hatte eine Aufgabe gefunden um sich über Wasser zu halten. Auch wenn es nur der Verkauf von Taschentüchern  auf der Straße oder das Gehsteig kehren war.

In Kambodscha gilt – umso mehr Touristen, umso mehr Bettler. Am schlimmsten war es rund um Angkor Wat. Unzählige kleine Kinder verfolgten uns auf Schritt und Tritt mit den Worten „Dollar, Dollar…please…“ Mir zerbrach es das Herz, aber ich wusste, dass ich ihnen nichts geben darf. Die Kinder betteln nicht von sich aus, da stehen leider ganze Organisationen dahinter.

Viele Touristen lassen sich darauf ein, dem Kind wenigstens ein Schulbuch zu kaufen. Man wird zum Stand mit den Büchern gebracht, das Kind wählt das Buch und man kauft es ihm. Doch auch das ist ein abgekartetes Spiel. Die Bücher gehen anschließend wieder zurück, der Verkäufer behält 50% der „Spende“ ein und der Rest geht an die Mafia hinter dem Kind.

Mit jedem Dollar oder Buch nimmt man dem Kind die Möglichkeit die Schule zu besuchen. Denn solange es Geld bringt, ist es auf der Straße besser eingesetzt, als in der Schule. Traurig aber wahr. Man tut dem Kind damit nichts Gutes, sondern bewirkt genau das Gegenteil.

Entspannter Geburtstag

Komplett erschöpft von den ganzen Eindrücken des Vortags, ließen wir den berühmten Sonnenaufgang vor Angkor Wat ausfallen und verschliefen stattdessen den halben Vormittag. Wir waren uns einig, auf dieses Gewusel wollen wir heute verzichten. Da wir die Roller schon gemietet hatten, machten wir uns auf den Weg in die andere Richtung, raus aus der Stadt.

Eine Stunde lang fuhren wir eine Hauptstraße entlang, bis wir zur beschriebenen Abzweigung kamen. Der Asphalt endete und wir fuhren im Slalom um die Schlaglöcher herum, bis wir am Ende der Straße den Tempel erreichten. Dieser Geheimtipp scheint wirklich noch geheim zu sein. Direkt neben dem Tempel, liegt eine von Mönchen geführte Schule. Wir wurden freundlich empfangen und bekamen sogar eine kleine Rundführung durch die Klassenzimmer. Eine echt tolle Sache wie hier in die Zukunft der Kinder investiert wird. Die Schule wird nicht vom Staat unterstützt, sondern arbeitet zusammen mit vielen Partner-Schulen auf der ganzen Welt. Von dort bekommen sie auch Lehrmittel und Computer zur Verfügung gestellt. Die Lehrer sind international, oft englisch-sprachig und arbeiten hier ehrenamtlich. Alles ist sehr herzlich und persönlich. .

Auf dem Weg zurück verzichteten wir auf die Hauptstraße und entschieden uns stattdessen für einen kleinen Umweg durch die vielen Dörfer. Gleich zu Beginn fuhren wir an einer Gruppe spielender Kinder vorbei und alle riefen im Chor „Hello, Hello“. Ich war etwas skeptisch, blieb aber kurz stehen. Ein Mädchen rannte auf mich zu und brachte mir 2 kleine Wiesenblumen. Und zu unserer Überraschung wollte sie kein Geld dafür. Stattdessen fragte sie etwas schüchtern „What’s your name?“ und es folgte eine kleine Unterhaltung auf Englisch. Auch die anderen Kinder kamen nach und nach auf uns zu und gaben ihr Englisch zum Besten. Ich steckte die Blumen auf meinen Lenker und war einfach nur dankbar für dieses schöne Erlebnis. Auch das ist Kambodscha – nur 1 Stunde Fahrt entfernt vom Touristentrubel!

Die Leute sind hier ganz klar noch einmal eine Stufe ärmer als in Vietnam. Alleine die Bauweise der Hütten und die Kleidung der Leute sprechen für sich. Aber auch hier treffen wir auf ausschließlich freundliche Menschen. Immer wieder wurde uns von Innenhöfen zugewunken und zugerufen.

Am Abend ließen wir den wunderschönen Tag in einer Bar revue passieren und kosteten uns dabei einmal quer durch die Cocktailkarte. So sollten Geburtstage immer sein! 🙂

 

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