Hoi An & Taifun Damrey

Wir beschlossen uns, trotz nicht ganz so guter Wettervorhersage, auf den Weg in den Süden zu machen und buchten ein Zugticket nach Hoi An. Gemeinsam mit einem Mönch und einer schnarchenden Vietnamesin verbrachten wir die Nacht in einem 4er Schlafabteil.

Laternen Fest in der Altstadt

Nach 14 Stunden im Zug kamen wir überraschend fit an unserem Ziel an. Hoi An ist eine charmante, kleine Stadt an der Küste Zentralvietnams. Und das Mekka für modebewusste Asiaten. Denn hier gibt es die besten Schneider und man kann sich zu einem verhältnismäßig kleinem Geld maßgefertigte Kleidung erwerben. Und zu unserem Glück war gerade Vollmond. Jedes Monat, wenn sich der Mond zu einer Kugel formt, verwandelt sich diese Altstadt in ein einziges Lichtermeer aus Laternen. Für jede Laterne die man entzündet, darf man sich etwas wünschen. Die Stimmung war einfach einzigartig und wunderschön!

 

Regen, Regen, Regen

Doch schon am nächsten Tag begann es am Nachmittag zu regnen. Im Laufe des Abends wurde der Regen heftiger und wir watschelten im knöchelhohen Wasser zum nächsten Restaurant. Zurück in unserem Homestay erzählten uns die 2 Mädls, bei denen wir die nächsten Tage verbrachten, dass heute morgen ein starker Taifun auf Nha Trang getroffen ist. Diese Stadt liegt ein paar Hundert Kilometer weiter südlich. Der Sturm zog von der Küste weiter in die Berge und blieb dort hängen. Das Wasser kommt also von den Bergen zu uns ins Tal und sorgt für Überschwemmungen.

Als wir am nächsten Tag aufwachten und aus dem Fenster blickten, waren wir etwas geschockt. Die Straße hatte sich über Nacht in einen Fluss verwandelt und alle Nachbarn haben sich ihre Boote vor die Haustüre geholt. Kinder spielten im Wasser, keiner schien besorgt zu sein. Auch unser Erdgeschoß war einen Meter hoch überschwemmt.  Solche „kleinen“ Überschwemmungen sind hier üblich. Normalerweise geht das Wasser innerhalb 24 Stunden wieder zurück, es wird geputzt und der Alltag geht weiter.

 

Doch heuer spielt das Wetter verrückt

Doch dieses Mal stieg das Wasser weiter, anstatt zurück zu gehen. Unsere Gastgeberinnen waren mit der Situation sichtlich überfordert, aber meinten immer nur: „Keine Sorge, spätestens morgen ist das Wasser weg – jedes Jahr das Gleiche.“ Doch plötzlich verabschiedete sich auch der Strom und damit das WLAN. Wieder waren wir sehr dankbar über unsere SIM-Karte, so konnten wir uns wenigstens online über die Lage informieren. Wir entschieden uns die Situation hier auszusitzen. Denn ein Paar, dass unsere Unterkunft in der Früh mit einem Boot verlassen hat, saß mittlerweile gemeinsam mit Hunderten anderen Reisenden am Bahnhof fest, da keine Züge und Busse mehr verkehrten.

Die Regierung begann bereits die ersten, niedrigeren Häuser zu evakuieren. Da wir mehrere Stockwerke hatten, gehörten wir nicht dazu. In der kommenden Nacht war nicht viel an Schlaf zu denken. Immer wieder krachte es im Stock unter uns, da das steigende Wasser alles aufschwemmte und umstieß. Wir waren zu Fünft  im Haus – Paul, ein weiterer Gast, wir und die 2 Gastgeberinnen. Am nächsten Morgen war das Wasser bereits über 2 Meter hoch und wir hatten nichts mehr zu Essen. Bereits am Vortag haben wir uns ausschließlich von Süßigkeiten ernährt, denn sonst gab es keine Vorräte.

Auch die Mädls wurden immer nervöser und versuchten ein Boot zu organisieren. Doch die Regierung hat den Bootsverkehr komplett eingestellt, weil es aufgrund der starken Strömung zu gefährlich war. Denn um aufs Festlang zu kommen, mussten wir einen breiten Fluss überqueren, was unter diesen Bedingungen so gut wie unmöglich war. Die Boote waren nicht etwa mit Motor betrieben, sondern kleine Holzboote (Kanu ähnlich) mit 2 paddelnden Frauen.

Ein paar Stunden später hieß es plötzlich, ein Boot ist hier. Wir wussten nicht was schlimmer ist – hilflos dem steigenden Wasser zuzusehen oder in dieses wackelige Boot zu steigen, obwohl es die Regierung für zu gefährlich eingestuft hat. Der Hunger sorgte dafür, dass die Entscheidung auf letzteres fiel und so hüpften wir vom Balkon im 1. Stock  in das Holzboot. Die Fahrt war ein purer Nervenkitzel und dauerte ca. 20 Minuten. Links und rechts vom Fluss war das Wasser mittlerweile auf über 3 Meter gestiegen. Die beiden Frauen manövrierten das Boot unter den Stromleitungen hindurch, um die Baumkronen herum  und brachten uns schneller als erwartet ans andere Flussufer.

 

Ausmaß der Katastrophe

Wir waren unglaublich froh, endlich wieder im Trockenen zu sein. Wir drängten uns durch die Massen an Schaulustigen und Reportern um ein Taxi zu erreichen. Das Schlimmste: Es wurden Bootstouren in den Seitengassen der überschwemmten Gebiete angeboten und man kann sich nicht vorstellen, wie viele Touristen das für eine gute Idee hielten.

Natürlich war die Situation alles andere als schön und besonders ich, hatte echt mit der Angst zu kämpfen. Aber das wirkliche Ausmaß dieser Naturkatastrophe wurde uns erst in den darauffolgenden Tagen von der Presse vor Augen geführt. Mehrere Dämme rund um Hoi An drohten jeden Moment zu brechen. Der Taifun war der Stärkste der letzten 2 Jahrzehnte und forderte über 80 Todesopfer. Die Region um Nha Trang hatte fast 2 Wochen keinen Strom. Zehn Frachtschiffe und fast 1300 Fischerboote sind gesunken. Über 10.000 Nutztiere ertrunken.

Normalerweise sieht man solche Nachrichten nur im Fernsehen und wir hätten uns nie gedacht, so etwas einmal selbst miterleben zu müssen. Es tut im Herzen weh, diese vielen, ohnehin schon armen Menschen, zu sehen, wie sie teilweise ihre gesamte Existenz verloren haben.

Endlich wieder im Trockenen

Gemeinsam mit Paul, einem 78-jährigen Amerikaner, quartierten wir uns in einem schönen Hotel im höhergelegenen Teil der Stadt ein. Paul reist seit 17 Jahren um die Welt und hat dementsprechend viele und unglaubliche Geschichten auf Lager. Er bringt einfach jeden in seiner Umgebung zum Lachen und zieht mit seiner Stimmung alle in seinen Bann.

Wir verbrachten einige Tage gemeinsam in Hoi An und abends in unserer neuen Stammbar. Das Lokal war die Adresse für Feiern jeglicher Art und jeden Tag randvoll. Touristen konnte man hier an einer Hand abzählen. Der Bierkonsum war gigantisch, die meisten Tische bestellten gleich in Kisten. Und im betrunkenen Zustand werden auch die schüchternsten Vietnamesen gesprächig und geben ihre gelernten Brocken Englisch zum Besten. Uns wurde ständig von allen Seiten zugeprostet und einmal wurde uns sogar ein Stück der Geburtstagstorte überreicht.

 

Erneute Planänderung

Der Wetterbericht für die kommenden Tage und Wochen bestand fast ausschließlich aus Regen. Außerdem wurde ein weiterer, starker Sturm voraus gesagt, der in den nächsten Tagen auf die Küste treffen sollte. Und Nha Trang, unser geplanter nächster Stop, hatte noch immer keinen Strom und ist komplett verwüstet. Daher entschieden wir uns, unsere Reise vorerst in Kambodscha fortzusetzen. Eines können wir schon sagen –  dieses Land ist sowas von Anders, als wir es uns vorgestellt haben!

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